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ulinarische
Audienz
- Feinschmeckerei
im Wandel der Zeit -
Grob
definiert ist die Feinschmeckerei Ausdruck jener individuellen
kulinarischen Urteilskraft, mit der analysiert wird, welche
Speisen aus genüsslichen Gründen anderen vorzuziehen
sind.
Vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus braucht sich
der Mensch darauf nichts einzubilden. Auch unsere liebgewonnenen
tierischen Partner verschmähen ihren einprogrammierten
Speiseplan sobald sie Gelegenheit haben, Vorlieben und Abneigungen
frönen zu können. Jeder Hund zieht bekanntlich
ein Stück Zervelatwurst einem Kanten trockenen Brots
vor und manche Hauskatze vergisst für eine Ecke Schwarzwälder
Torte die Mäuse im Garten. Im Detail ist Feinschmeckerkultur
allerdings komplizierter. Es ist das individuelle Vermögen,
Unterschiede wahrnehmen zu können. Darüber hinaus
jedoch auch Ausdruck von Kultur, von Raffinesse und Geschmack,
ein Zeichen der Leidenschaft und manchmal auch des gesellschaftlichen
Erfolgs, Ausdruck der Selbstdarstellung, des Bedürfnisses
nach Unterhaltung, der Abneigung gegenüber Banalitäten
und der Wunsch, sich Lebensqualität zu erhalten. Jedenfalls
ist Feinschmeckerei keine Frage des gewöhnlichen Lebensstandards.
Die besten Kochkünstler erfreuen ihre kritischen Gäste
keinesfalls mit dem Geschmack der Allgemeinheit, er kümmert
sie nicht. Feinschmeckerei ist deshalb weder nur teuer noch
immer erschwinglich. Hochwertige Produkte allein sind noch
keine Garantie und einfache kein Hindernis für Qualität.
Oft liegt gerade in der geschickten Kombination von beidem
die kulinarische Sensation und Schwierigkeit zugleich.
Lebensnotwendig ist Feinschmeckerei natürlich nicht,
aber schon immer eine Verlockung. Sokrates stellte fest:
„ Wenn ich auf den Markt gehe, wird mir bewusst, wie
viele Dinge es gibt, die ich nicht brauche „.
Dagegen stöhnte der alte Cato einst entnervt: „
Wie schwer ist es zum Bauch zu reden, der doch keine Ohren
hat “. Richtig, aber wie schwer ist es mit einem Kopf
zu reden, der Ohren hat, aber keinen Verstand? Verstand
ist eine Grundvoraussetzung für Feinschmecker. Daran
erkennt man unter anderem, welcher Zeitgenosse sich für
einen ausgibt oder wer tatsächlich einer ist.
Die Erfindung von Brot, Bier, Wein, des Bratens, der Nudel
oder von Butter und Käse sind Momente der Weltgeschichte
gewesen, vergleichbar mit jenen, in denen Weltumsegler neue
Kontinente und Forscher ehemals unbekannte Bakterien fanden.
Die großen Gastrosophen des 19. Jahrhunderts hielten
die Entstehung einer neuen Speise für die Entwicklung
der Menschheit bedeutender als die Entdeckung eines Sterns.
Nicht alles Essbare wird gegessen, auch nicht alles was
Nährwert besitzt. Was wir essen und vor allem was wir
gern essen ist keine Sache des Zufalls. Das sapiens vom
Homo heißt nämlich nicht nur > weise <
sondern auch >schmecken < . So wie ein Klavierspieler
Klavier spielen lernt durch Klavier spielen, wird man Kenner
der Gaumenfreuden und des kulinarischen Genusses durch Geschmackstraining,
durch probieren und Erfahrung sammeln. Das Prädikat
Feinschmecker muss man sich eressen und ertrinken. Geschmack
ist aber auch manipulierbar. Die im Kindesalter bevorzugten
Speisen prägen feinfühlige Menschen meist bis
ins hohe Alter. Geruchs- und Geschmacksempfinden sprechen
die Emotionalsphäre hochgradig an. Man schmeckt im
Gedanken nicht nur das jeweils bevorzugte Gericht, man erinnert
sich sogar an Einzelheiten wie die Schürze der Großmutter,
die gekocht hat, Brauchtum, Geschirr oder Einrichtungsgegenstände
und den Geruch im Speisezimmer von ehemals. Was bei Muttern
zu Hause schmeckte, kann andernorts ein langweiliges Essen
sein. Aber die Schöpfungen der Feinschmeckerei sind
immer nur für einen kurzen genussreichen Augenblick
auf unserer Zunge, entfalten ihre volle Schönheit und
vergehen. Darin ähnelt das festlich und gekonnt zusammengestellte
Menü einem Musikstück.
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