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Ein süßer Geburtstag - 160 Jahre Würfelzucker
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13.01.2003
Ein süßer Geburtstag - 160 Jahre Würfelzucker
(Original v. 1998)
Etwas
über die Rolle des "süßen Salzes"
erzählen zu wollen hieße, den Bodensee
in die Elbe schütten.
Die nostalgische Meinung, früher sei alles besser
gewesen mag stimmen oder nicht, der Zucker war jedenfalls
ehemals gesünder als heute.
Zwar sagten die Türken: Zucker bleibt Zucker,
ob weiß oder braun. Aber das ist nur die halbe
Wahrheit. Im braunen Zucker, der noch Melassepartikel
enthält, lassen sich nämlich pro 100g immerhin
85 mg Kalzium, etwa 3 mg Eisen sowie Spuren von Thiamin,
Riboflavin und Niacin nachweisen, während raffinierter
weißer Zucker gänzlich aus Saccarose besteht.
Die gängige Zucker-Angebotsform Anfang des 19.Jh.
war der Hutzucker. Eine dicke zähflüssige
Masse in Kegelform erstarrt und damit knochenhart,
so wie man es heute noch vom Hutzucker der Feuerzangenbowle
kennt.
Solche Gebilde dienten sogar als Geschenk. Die am
ersten Schultag dem ABC-Schützen überreichte
Schultüte mit süßem Inhalt (Zuckertüte)
erinnert noch daran.
An einem schönen Tag im Jahr 1842 trafen sich
beim Zuckerbaron von Datschwitz (Dacice), einem 2500
Seelen Nest in Südmähren, einige vornehme
Herren zum Nachmittagskaffee. Der Zuckerbaron hieß
Jakob Christoph Rad und besaß weit und breit
nicht nur die größte, sondern auch die
älteste Zuckerfabrik. Rad trug nun der Ehefrau
auf, neben Kaffee, Milch und Kuchen auch Zucker zu
bringen. Dafür musste der Zuckerhut mit viel
Kraftaufwand und zeitgenössischen Instrumenten
bearbeitet werden. Deren offensichtlichen Vorbilder
sind noch heute in gut erhaltenen Folterkammern zu
besichtigen. Mit Zuckerhammer, Zuckerhacke, Zuckerbrecher,
Zuckerzangen und Scheren ging die Mamsell beherzt
auf den Zuckerhut los.
Immerhin hatten damals solche Zuckermonster eine Größe
von bis zu 1,50 Metern. Es kam wie es kommen musste,
die Zuckerhacke traf den Daumen der Holden und einige
Tropfen Blut ihres zarten Fingers röteten die
Zuckerstücke, zwar nicht alle, doch unübersehbar.
Aus rein ökonomischen Gründen (Zucker war
eine kostspielige Angelegenheit) servierte die sparsame
Küchenfee den nun zweifarbigen (weiß-rot)
teuren Zucker und erklärte den staunenden Herrschaften
die Ursachen.
Zuckerfabrikant Rad war nicht böse, aber nachdenklich
geworden. Wie könnten künftig solche Peinlichkeiten
vermieden werden.
Schließlich konstruierte er aus Blechstreifen
ein Model, das man sich wie die heute üblichen
Würfeleisschalen in Haushaltkühlschränken
vorstellen muss. Mit Raspeln wurde der Hutzucker bearbeitet,
bis feine Brösel entstanden, die man leicht angefeuchtet,
in die besagten Formen füllte und nun wartete,
bis alles trocken und fest wurde, eben zu Würfelzucker
erstarrte.
Unter der Bezeichung "Thee-Zucker" oder
Wiener Würfelzucker kam diese durchaus praktische
Erfindung in den Handel. Die Vorteile lagen auf der
Hand. Mit der immer gleichen Form und kostantem Gewicht
war Würfelzucker optisch ansprechend, seine Präsentation
nicht mit Schwerstarbeit verbunden und zugleich ein
zuverlässiger Maßstab für die gewünschte
Süsse von Kaffee oder Tee. Und er war abzählbar
bei der Zuteilung für den Muckefuck in der Gesindekammer.
Aber noch bis in die goldenen Zwanziger des 20. Jh.
blieb der Hutzucker weiterhin üblich, Würfelzucker
die Ausnahme. Als Süßungsmittel leisteten
sich die meisten Verbraucher ohnehin lediglich Zuckersirup,
der beim Sieden als nicht mehr kristallisierungsfähiges
Nebenprodukt anfiel.
Gerhard von Kügelgen, ein seit 1805 in Dresden
ansässiger begnadeter Maler, berichtet zum Thema
Zuckerhut über einen Zeitgenossen, nämlich
den russischen Gesandten in der Elbmetropole, Fürst
Putjatin (1749-1830). Der Diplomat galt als Sonderling,
Menschenfreund, Praktiker und Original zugleich. Kügelgen
erzählt, der Fürst habe eine Zuckersägemaschine
erfunden. Sie würde die schweren Hüte mittels
einer speziellen Vorrichtung in zollstarke Scheiben
zerteilen. Anschließend müssten die Scheiben
mit dem Hammer und dickem Messer in gleichmäßige
Würfel zerschlagen werden.
Tatsache
ist aber, erst die weiß-roten Unikate von Herrn
Rad waren Anlaß und Basis zur industriellen
Würfelzuckerherstellung.
R.L.
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