REINHARD LÄMMEL

 

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Die Kunst des Geschmacksgenusses

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22.08.2002
Die Kunst des Geschmacksgenusses
(Original v. 12.7.1996)

"Das Schicksal einer Nation hängt von ihrer Ernährung ab", behauptet Brillat-Savarin, einer der großen Gastrophilosophen des 19. Jh.
Wenn das stimmt wäre es um das Morgen so mancher Nation schlecht bestellt. Ganz so eindeutig kann man es sicher nicht definieren. Deshalb ist dieses Bonmot eben nicht ganz richtig und nicht ganz falsch.

Der Geschmacksgenuss beim guten Essen ist nicht ausschließlich eine Frage der verwendeten Produkte. Selbst simple Gerichte können phantastisch schmecken, sie müssen nur gut hergestellt werden.
Deshalb soll man auch die Zubereitung simpler Gerichte auch nicht simplen Köchen überlassen.
Genuß kann sich durchaus auch auf unterschiedlichen Qualitätsstufen einstellen, das hängt immer vom Anspruch des Einzelnen ab.
Zum Genuß gehört auch die Umgebung, möglicherweise ein passendes Gegenüber, die Stimmung, die innere Einstellung und die Genußfähigkeit überhaupt.
Ohne Kennerschaft aber ist Genuß unmöglich.
Ahnung haben von dem, was man genießen möchte ist eine notwendige Vorraussetzung.
Unwissendheit darüber, wie dies oder jenes schmecken muss oder kann, stellt Genußerlebnisse in Zweifel.Fachfrau oder Fachmann muss man deshalb sicher nicht sein.

Kann man kulinarische Kennerschaft erlernen?- Natürlich, so wie ein Klavierspieler Klavier spielen durch Klavier spielen wird man Kenner der Gaumenfreuden und des Genusses durch Geschmackstraining, durch probieren und Erfahrung sammeln. Solche Kennerschaft muss "ergessen und ertrunken" werden, weniger quantitativ als qualitativ.
Nicht viele Zeitgenossen können sich das immerzu leisten. Deshalb gibt es auch nur wenige wirkliche Kenner auf diesem Gebiet. Aber man sollte sich schon bemühen hin und wieder etwas dazu zu lernen, um wenigstens mitreden zu können, wenn es um kulinarischen Genuss geht, das müssten wir uns wenigstens leisten wollen.

Mit Kennerschaft steigt nämlich der Anspruch an sich selbst, aber auch an den Genuss. Gleichzeitig gewinnt die persönliche Urteilskraft an Sachlichkeit.
Beispielsweise kann das Restaurant um die Ecke nicht qualitätsgleich sein mit einem Nobelrestaurant. Genussmöglichkeiten schließt dies nicht notwendigerweise aus. Und dass im Restaurant, welches gehobene Ansprüche an sich selbst stellt, frische und ausgesuchte Produkte preisintensiver sein müssen als solche aus dem Frostcontainer, kan eigentlich nicht wundern.
Der gelernte Geniesser weiß das. Er stellt sich darauf ein und bringt derartige Erkenntnisse mit seinen finanziellen Möglichkeiten in Übereinstimmung, was die Gefahr von Enttäuschung wesentlich minimiert.

Seinen Hunger stillen kann man Heute an Hunderten von "Versorgungsstellen" in den Städten, sozusagen im Vorübergehen.
Schnell verstummen da knurrende Geräusche im Bauch. Unsere Gesellschaft hat den Familientisch zersägt und die Zeit zum Geschmacksgenuß reduziert auf bestimmte Feierlichkeiten, auf ein Dinner am Abend oder das Wochenende.
Ob dort Genuss möglich ist, hängt wiederum von vielen faktoren ab.

Wenn der Genuss jedoch erlernbar ist, sollte man bei Zeiten damit beginnen.
Kinder wurden in den vergangenen Jahrhunderten viel öfter zu festlichen Essen mitgenommen. Auch die Volksküche unserer Vorfahren beinhaltete für Kinder keine andere Nahrung als für die Erwachsenen. Damit lernten sie die Speisen kenne die ihre Eltern bevorzugten, oder die Gemeinschaft um sie herum. Sie aßen Festtagsgerichte oder Alltagsspeisen genau wie die anderen Leute.
In südlichen Ländern ist das Heute nicht anders. Dort kennt und verlangt niemand eine Kindespeisekarte, in der "Fritten mit Majo (!)" und ähnliche Kunsterzeugnisse den Geschmack der Kinder frühzeitig verdünnen.

Essen und trinken und die Kenntnis darüber gehört dort zur Allgemeinbildung. Keiner muss verkramft die traditionellen Gerichte neu erfinden, jeder ist vertraut damit, von Kind an.
Gerade Kinder als potentielle kulinarische Genießer von Morgen sollen rechtzeitig lernen und erleben können.

Das Schicksal einer Nation hängt von der Art ihrer Ernährung ab, und von der Fähigkeit geniessen zu können, sollte man ergänzen.

R.L.

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