| "Die beleibten Deutschen,
und wer bedauert das dünne Volk ?"
Wem gehört die Perle in der Auster ?
Kochkunst in der Klemme
Globalisierung – Ende
oder Bereicherung der heimischen Küchen?
Aceto
Balsamico - kulinarische Wunderwaffe in allen Küchenbereichen
!
200
Jahre Königreich Sachsen
Der
Henker bittet zu Tisch
Der
kurfürstliche Salzbann vor 225 Jahren
Aus
den Randnotizen der Koch - Kulturgeschichte
Carne
– vale, Fleisch ade, die Fastenzeit ist da
Ein
süßer Geburtstag - 160 Jahre Würfelzucker
Aus
Wald, Wiese uns Feld
Die
Kunst des Geschmacksgenusses
"Verbraucher
seid wachsam!"
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14.07.2002
Lebensmittelskandale
"Verbraucher, seid wachsam!"
(Original v. 06.12.2001)
Essen
und Trinken sind lebensnotwendig. Seit wir Oberprimaten
nicht mehr notwendigerweise am Lagerfeuer Jäger-
und Sammlerkost knabbern, sondern Mahlzeiten mit Raffinesse
versehen auftafeln, seit Lebensmittel und deren Auswahl
unabhängig von Territorien und Jahreszeiten zur
Verfügung stehen, sind wir mehr und mehr auf Zulieferer
wie Landwirte, Getränkeproduzenten, Lebensmittelhersteller
und -verkäufer oder ganz einfach auf die Köche
in Restaurants und Kantinen angewiesen. Schlichtweg
kommt keiner von uns mehr ohne die Erzeugnisse und Dienstleisungen
der Lebensmittelgang aus, und das Weltweit. Dabei ist
die Bezeichnung "Gang" keinesfalls von vornherein
negativ zu bewerten.
Aber
nicht erst seit dem Nahrungsmittelhersteller vorzugsweise,
eigennützig und durchaus professionell mit Chemieexperten
und Fooddesignern angebandelt haben, muss man sich über
Verbraucherschutz Gedanken machen. Ob Naturköstler,
Vegetarier oder Allesesser. Alle sind davon betroffen,
und das schon lange. Von der Wurst der Deutschen sagte
bereits der Dichter Jean Paul (1763-1825) lakonisch:
Nur die Götter könnten Wurst essen, denn nur
sie wüssten, was drin ist. Mag sein, dass hier
und dort Brot ohne Tütensauerteig gebacken wird
und das Fleisch für Schwärtelbraten von der
selbst aufgezogenen Sau stammt. Die Zeiten, als Mama,
Papa und die Kinder Huhn und Hornvieh für die Suppe
und den Sonntagsbraten noch persönlich kannten,
sind längst Geschichte.
Unabhängig
vom Zeitgeist des Geschmacks - letzten Endes auch von
Armut, Epedemien oder Kriegen - steigt der Bedarf an
Lebens- und Genussmittel stetig an. Schon immer waren
einerseits Sattmacherprodukte für den Alltag der
schlichten Bevölkerung und andererseits Edelartikel
für die Luxus-fressies derer gefragt, die sich
so etwas auch leisten können und wollen. Alles
nur eine Frage des Preises - getreut dem Motto: Quod
rarum carum. Die heute meist verklärt dargestellten
Gourmetessen im antiken Genussimperium Rom wurden in
der Regel nur den Herrschern selbst, hohen Senatoren
und Militärs serviert, die überwiegende Mehrzeit
von Bürgerschaft und Fussvolk verköstigt sich
hauptsächlich mit Puls und Holus. Diese gesellschaftliche
Reihenfolge ist bis heute gleich geblieben.
Verfälscht
und umgetauft
In
den alten Klosterküchen gehörten Lebensmitteltäuschungen
zum bewusst geduldeten Brauchtum. Da wurden Rehkeulen
aus Fischfleisch und Hasenbraten aus Hefeteig gezaubert,
in der Fastenzeit aber (eher regelwidrig) gehacktes
Schweinefleisch in Fischformen präsentiert und
Lammfarce als Brotlaib garniert verzehrt. Ich taufe
dich Karpfen, sagte der Prior, als er ein Schweineohr
in der Fischsuppe bemerkte. und da bei Tisch Schweigen
geboten war, schlürften die Mönche den fetten
Eintopf gewiss schmunzelnd und ohne zu murren. Noch
vor nicht allzulanger Zeit präparierten die Spezialisten
vorwiegend Gewürze und Würzmittel, insbesondere
Safran, Zimt, Mehl, Salz und Zucker. Dazu verwendeten
sie entweder damals schlecht nachweisbare Zusätze
oder Mittel, die den Grundstoff schwerer werden liessen:
Pulver zerriebener Zigarrenkisten für den Zimt,
Bleispäne für den Pfeffer, geröstete
und gemahlene Rübenschnitzel im Kaffeemehl und
Kieselstaub im Mehl. Letzterer soll die Zahnpasta bestens
ersetzt haben. Obwohl drastische Strafen wie Abhacken
der Hand, Ertränken oder der Strang drohten, starb
das Fälscherhandwerk nie aus.
Ein
anderes traditionelles Objekt der Begierde war der Wein.
August der Starke, Kurfürst von Sachsen und zeitweise
König von Polen, liebte den Tokajerwein bekanntermaßen
so sehr, dass es für diesen im Dresdner Schloss
einen eigenen Keller gab. Heute wissen wir, dass die
Mehrzahl der dort gelagerten Bouteillen statt Tokajer
gepanschten Trauensaft beinhalteten. Süffisant
lachen braucht über denstarken August niemand,
es wird wohl in anderen Fürstentümern ähnliche
Bauchlandungen des guten Geschmacks gegeben haben. Nur
wer gibt dies freiwillig zu?
Besonders
übel wurde dem "Volksnahrungsmittel"
Bier mitgespielt. Reinheitsgebbot hin, Reinheitsgebot
her, das ganze Mittelalter über und noch bis ins
19. Jh. hinein setzte man dem Gerstensaft zur Förderung
der Heilkraft und Vorbeugung gegen Krankheiten allerlei
Kräutlein zu: Wermut gegen Gallenprobleme, Salbei
als Schutz vor Skorbut und Zahnweh, Beifuss gegen Frauenleiden,
Rosmarin als Nervenstärker oder Lavendel fürs
Rückenmark. Als gerdezu lebensgefährlich stellten
sich Zusätze von Sumpfporst oder Bilsenkraut heraus
- im Volksmund "Rauschgras" und "Tollmännle"
genannt -, die gang und gäbe waren. Zuvörderst
dienten beide Ingredenzien der Haltbarmachung, aber
letztendlich dominierte ihre berauschende Wirkung. Die
Stadt Pilsen hat ihren Namen vom Bilsenkraut, und das
Pilsener natürlich auch.
Um
1900 erzählte man sich die Geschichte von den vier
Fliegen, die sich in eine Speisekammer eingeschlichen
hatten und glaubten, sich einmal ordentlich satt essen
zu können. Die Erste naschte vom Mehl und starb,
denn das Mehl war mit Gips verfälscht. Die Zweite
ging an den Zucker und krepierte, denn der Zucker enthielt
Bleisalz. Die Dritte trank vom Fruchtsaft und büsste
dies mit dem Tod, denn der Saft war mit Anilin gefärbt.
Die Vierte das Elend vor Augen, wollte nicht länger
leben und stürzte sich auf das eingelegte Fliegengift
- und überlebte, denn auch das war gefälscht.
Kreative
Kunstprodukte
Aus
religiösen, wirtschaftlichen, finanziellen oder
ernährungsphysiologischen Gründen hat menschlicher
Erfindungsgeist schon immer Suggorate ersonnen. Später
schuf die Lebensmittelindustrie Möglichkeiten,
Zutaten preiswerter und massentauglicher zu machen und
den Geschmack so mit billigen Brühwürfeln,
Tütensuppen und sonstigen "kulinarischen"
Ersatzmitteln zu demokratisieren. Heute sind neben wichtigen
auch die sinnlosesten Ersatzstoffe für alle möglichen
Lebens- und Genussmittel immer noch oder erneut präsent
- von Muckefuckpulver bis zum synthetischen Kaviar.
Neben Brühpaste, Instantsaucen, Sprühsahne,
künstlichem Zitronen- oder Vanillearoma werden
auch Cracker mit Käse- oder Schnitzelgeschmack
feilgeboten, als Snack zum TV-Erlebnis, mit naturidentischen
Zutaten geschmacksgestylt.
Der
Mensch sucht seit Adam und Eva nach immer neuen Gaumenkitzeln.
Aber sehr viele neue, grundlegende und revolutionierende
Zutaten hat es, abgesehen von der Kartoffel, der Tomate,
dem Paprika, dem Champagner, der Macadamia-Nuss und
einigen exotischen Früchten, in den letzten dreihundert
Jahren nicht gegeben. Insofern besteht die Kreativität
darin, die bekannten Produkte immer wieder neu zu kombinieren,
was gelegentlich zu abenteurlichen Ergebnissen führt.
Findige Hirne haben schon vor Jahrenhunderten den Hackbraten,
Fischbratwürste und Pasteten aller Art erfunden,
nicht wegen des teilweise bedenklichen Zustands der
Zähne unserer Vorfahren oder in Ermangelung einer
Krankenkassenbeteiligung an der Verändrung dieser
Tatsache, sondern um den Geschmack durch Zusätze
beliebig variieren zu können.
Heute
ist das alles viel perfekter durchdacht. Stabilisatoren,
die jede Erbse in Kunstboullion-Zubereitungen mittig
halten, Färbemittel, Süssungsmittel unterschiedlichster
Art oder Haltbarmacher mit Garantien bis ins Jahr 2010.
Warum müssen wir Verbraucher uns das antun? Brauchen
wir derartige Lebensmittel? Offensichtlich ja, denn
erfolgreiche Firmen produzieren nur, was auch gekauft
wird, wofür eine Nachfrage besteht. und die überhandnehmenden
Chemiecocktails sind weitestgehend sogar lebensmittelrechtlich
legitimiert!
Beispielsweise
wurde in den "goldenen" zwanziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts für die Herstellung von Kaffe
Hag (weltweit ein Begriff) der Rohkaffe mit Äther,
Alkohol, Aceton, Benzol, Tetrachlorkohlenstoff und Chloroform
in Wasserdampf extrahiert, dadurch sank der Koffeingehalt
auf 0,05 Prozent. Die chemischen Lösungsmittel,
besonders das Benzol, blieben aber am Kaffee haften.
Nun ist Benzol leider ein Nervengift, und so kam man
damals mit dem Schonkaffe vom Regen in die Traufe.
Qualität
hat ihren Preis
Fremdstoffe
sind allgegenwärtig. Ob Öko-Winzer oder Bio-Bauer,
es gibt heute weltweit kaum ein ökonomisch effektiv
arbeitendes Anbaugebiet, das ohne Chemie auskommt. So
gesehen ist Bio nur eine Illusion für Betuchte.
Vielleicht werden sich in Zukunft immer mehr synthetische
Lebensmittel in den Regalen der Markthallen durchsetzen,
weil die individuelle Speisenzubereitung mit Naturprodukten
nicht nur Zeitaufwendiger, sondern auch kostspieliger
wird. Doch selbst Naturprodukte kann man nicht immer
bedenkenlos geniessen. Wer sich ein Kalbsfilet in der
Pfanne brät, wird staunend feststellen, dass die
dabei freiwerdenden Flüssigkeitsmengen jeden Wasserwerksmitarbeiter
vor Neid erblassen lassen. Ob sich der Traum vom "reinen
Produkt", wie ihn Gourmet-Propheten beschwören,
jemals erfüllen lässt, sei dahin gestellt.
Auf jeden Fall wird es eine teure Angelegenheit: "Gutes
Essen" war, ist und bleibt ein Statussymbol. Deshalb
haben "naturidentische" Produkte beim Verbraucher
eine reele Chance, sie sind heute schon fester Bestandteil
der Mahlzeiten, und der Trend hält an. Schlimm
wird es allerdings, sollte bei jedem "lukullischem
Kunstprodukt" erst der Beipackzettel gelesen oder
der Apotheker befragt werden müssen.
Es
führt kein Weg daran vorbei: Gute Produkte haben
ihren Preis. Und jeder muss selbst entscheiden, ob er
sein Geld beim Arzt oder beim Edelmetzger lässt.
Verbraucher,
seid wachsam!
R.L.
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